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Warum Frau Eckart jeden Tag hierher kommt

Erstellt am 06 Jan 2011 um 17:37
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Von Alexandra Welsch(Echo-Online 24.12.2010)


Am Eingang gleich links um die Ecke, da sitzen sie. Immer, jeden Tag. Lieselotte Rexroth (76) mit dem Rücken zum Heizkörper, wo es jetzt im Winter besonders schön warm ist. Und Renate Eckart (66) direkt am Durchgang, die beiden Kloschlüssel stets griffbereit, die sie auf Anfrage ausgibt. Da sitzen sie zusammen und essen und plauschen. Oder schweigen zusammen. Jeden Tag, seit Jahren. Und jetzt ist das Fernsehen da und will wissen, warum? „Ein bisschen Unterhaltung haben, mein Mann ist vor zwei Jahren gestorben, da bin ich ganz alleine“, sagt Eckart mit ihrer quirligen, rauen Stimme. „Aber wegen dem Geld ist es doch bestimmt auch“, hakt die TV-Reporterin nach und hält das Mikrofon näher. Und jetzt bitte noch mal in einem Schwung antworten, warum sie hierher kommt? Eckart, sonst stets redselig, aber jetzt irgendwie irritiert: „Na, dass mer net alleine ist.“ Vor ihr steht ein Linseneintopf mit Würstchen, wie jeden Dienstag. Und heute gibt es dazu Gespräche über die Familie. Rexroths Mann ist schon seit mehr als zwanzig Jahren tot. „Vom Zug erfasst, reingelaufen, Pech gehabt.“ Sie sagt es, als lese sie eine SMS vor. Zwei Kinder hat sie, fünf Enkel, einen Urenkel. Und zu wenig Rente, um über die Runden zu kommen. Als Putzfrau hat sie wenig verdient, jetzt ist sie auf Grundsicherung angewiesen. Gerade musste sie in eine kleinere Wohnung ziehen. Doch Rexroth klagt nicht: „Ich bin mit allem zufrieden“, sagt sie, um die Augen dunkle Ränder wie ein Koala-Bär. Dankbar ist auch Irene Schmitt. „Wenn es die Tafel nicht gäbe, ging's mir schlecht.“ Die 69 Jahre alte Frau mit dem schönen österreichischen Dialekt sitzt nicht weit von Rexroth und Eckart entfernt, und das unter ähnlichen Vorzeichen: Der Mann vor einem Jahr gestorben, die Rente zu klein. „Man hat nicht ans Alter gedacht“, stellt die lebhafte Frau mit den kurzen schwarzen Haaren fest. „Man dachte, spart man halt ein bisschen, aber irgendwann war's aufgebraucht.“

Einen Teller Suppe gibt es für jeden Besucher zur Vorspeise. Jeden Freitag kredenzt ihn Tafel-Leiterin Doris Kappler persönlich. Foto: Roman Grösser
Zur Tafel geht sie seit rund einem Monat, auch zum Einkaufen. „Am Anfang habe ich mich schon geschämt“, gibt sie zu. „Aber es ist hier nicht so entwürdigend. Es ist wie eine Gemeinde.“ Oder ein Seniorentreff. Auf dem Teller vor ihr dampft eine saftige Hähnchenkeule mit Reis und deftiger Soße, dazu gibt es butteriges Karotten-Lauch-Gemüse. „Übers Essen kann man nichts sagen“, lobt sie. Und in der Gemeinschaft schmecke es einfach besser. Wer ein paar Mal bei der Tafel mitgegessen hat, der kann nicht nur staunen über die Qualität der Speisen. Jeden Tag vier Gänge, angefangen von einer Suppe aus der Merck-Küche, dann ein kleiner Salatteller sowie der Hauptgang, beides in der TafelKüche aus gespendeten Lebensmitteln zubereitet, und als Nachtisch winkt Rest-Kuchen und Torte von Bormuth. Das kann mit jeder ordentlichen Kantine mithalten. Wobei die liebevolle Tischdekoration, zumindest die derzeitige, auch im Fernsehen bei „Das perfekte Dinner“ nicht deplatziert wirken würde - so detailverliebt sind hier Teelichter in Holzstücken, Tannengestecke mit Sternen und Engelfiguren auf weihnachtlichen Tischläufern inszeniert. Und interessant: Während anderswo die schwer arbeitende Bevölkerung ihr Mittagessen in Form eines belegten Brötchens oder Schnellgerichts am Bürotisch zu sich nimmt, wird hier noch etwas zelebriert, was auch im heimischen Wohnumfeld immer rarer wird: Gemeinsam Essen. Eine Stunde lang. In einer Atmosphäre, in der man einen zuvorkommenden Umgang pflegt, in der einer den Teller des anderen mitabräumt und man sich „Guten Appetit“ wünscht. Hier geht es um eine Stunde Tischkultur statt Fünf-Minuten-Terrine. Nicht ohne Grund heißt es „Tafel“ und nicht „Suppenküche“. Doch die familiäre und angenehme Atmosphäre ist nicht vom Himmel gefallen. „Das war nicht immer so, das haben wir denen beigebracht“, betont Doris Kappler, die die Tafel 1996 gegründet hat und bis heute jeden Freitag selbst mitanpackt. „Wir haben eine ganz straffe Hausordnung.“ Kein Alkohol, keine Drogen, nicht rauchen. Wer randaliert, muss gehen. Und wer sich nicht daran hält, der bekommt vor allem Ärger mit Ursula Summer, der niederschmetternd bestimmten und entwaffnend herzlichen Wirtschaftsleiterin und Hauptköchin der Tafel. „Hallo, wer hat gesagt, dass ihr da drangehen könnt“, schreit sie ein paar Leuten zu, die sich ohne zu fragen an gepackten Obsttüten zu schaffen machen. „Der hat auch genommen“, petzt Renate Eckart und deutet auf einen Mann. „Du Verräter“, raunt er.

Montag: Gänsekeule mit Klößen und Soße. Foto: Roman Grösser
Freilich geht es auch stürmisch und rau zu auf dieser Sozial-Insel, wo sich so viele menschliche Schicksale und gestrauchelte Lebensläufe verdichten, die oft ein bisschen umweht ist von ausgeatmetem und ausgeschwitztem Alkohol oder von lange nicht mehr gewaschenen Haaren, Körpern oder Klamotten, die nicht selten aus einer Kleiderkammer stammen. Doch nicht jedem sieht man die Bedürftigkeit an. Modisch und gepflegt gekleidet ist der etwa zwanzig Jahre alte Mann, der sich am Tisch der stillen Männer niedergelassen hat. Er ist erst vor zweieinhalb Jahren aus Afghanistan hierher gekommen. Dafür spricht er ziemlich gut Deutsch. Sprachkurs in Dieburg, das sei ihm wichtig gewesen. Trotzdem bleibt er meist still, während er isst. Wurstsalat mit Bratkartoffeln. Seit einem Monat komme er jeden Tag hierher, erzählt er. „Ich bin arbeitslos, habe kein Geld.“ Zuletzt habe er als Koch gearbeitet in einem indischen Restaurant. Vorbei. Warum? Er wird leiser: „Ich habe viele Pro bleme.“ Bald müsse er vor Gericht. Schulden habe er und jemanden geschlagen. Er wirkt sanft und zurückhaltend mit seinen dunklen Augen. Anders sein Gegenüber. Die Frage, warum er seit drei Jahren hierher kommt, wird - „das kann ich Ihnen sagen“ - zum Startschuss für einen Erklärstrom, in dessen Verlauf sich der 64 Jahre alte Mann mit kaum mehr vorhandenem Haar, aber enormem Vokabular in Rage redet. Über seine Erfahrungen mit Bewerbungstrainings, Eingliederungsmaßnahmen oder Umschulungen, als subventionierte Billigkraft oder Protestierer bei den Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV. Minutenlang steckt ihm ein Tomatenstück auf der Gabel, das er vor Aufregung vergisst zu essen. „Mir schmeckt das schon gar nicht mehr, wenn ich nur daran denke!“ Seit er 14 Jahre alt war, habe er gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt. Fünf Berufe habe er gelernt, auch selbstständig sei er gewesen. Sein Arbeitsleben sprudelt förmlich aus ihm heraus. Und jetzt? 880 Euro Rente. Und dann diese angebliche Hartz-IV-Reform. „Ich finde das ungeheuerlich mit den fünf Euro mehr“, schimpft er und wird immer lauter. Die Leute, die das entschieden hätten, arbeiteten vier Jahre und hätten dann ausgesorgt. „Ach, ach“, stöhnt er und legt endgültig die Gabel beiseite. Dann greift er sich an den Kopf: „Fünf Euro, die Frau ist doch nicht mehr bei Sinnen!“

Dienstag: Linseneintopf mit frischem Suppengemüse und Würstchen. Foto: Roman Grösser
Um ihn herum ist es laut, zwischen den Tischreihen stehen Leute im Gastraum verteilt. Mittwochs ist die nicht weit entfernte „Teestube“, Anlaufstelle für Wohnungslose, zu. Da platzt die Tafel regelmäßig aus allen Fugen. „Bitte nicht hier stehen“, ruft Ursula Summer, total im Stress. „Wir haben keinen Platz mehr, es sind alle Plätze belegt, es tut mir leid.“ 65 Essen Minimum werden an Tagen wie diesem verbraucht. Und zusätzlich bis zu 130 Menschen bedient, die an Montagen, Mittwochen und Freitagen das Angebot nutzen, gespendete Lebensmittel zum Preis von einem Euro einzukaufen. Gut gelaunt schleust sie Serpil Özgen von ihrem Ausgabe-Kabäuschen durch. Die 36 Jahre alte Frau, die hier alle nach ihrem Parfüm „Maruschka“ nennen, will etwas zurückgeben. Seit sieben Jahren kommt die allein erziehende Mutter von fünf Kindern und Hartz-IV-Bezieherin selbst als Gast her. Eine Freundin hat sie damals mitgenommen. „Anfangs war es unangenehm“, sagt sie. Man käme sich vor wie ein Bettler, wenn man etwas in Anspruch nehme, ohne etwas dafür zu tun. „Daher habe ich meine Mithilfe angeboten.“ Lohn bekommt sie dafür nicht. „Aber einen organisierten Tagesablauf.“ Und da sie sich auch anderweitig ehrenamtlich engagiere, sei sie gut beschäftigt. Gegen Bezahlung arbeiten gehen wäre natürlich besser. Doch nach einer Alleinerziehenden mit fünf Kindern leckten sich Arbeitgeber nicht gerade die Finger. Sie muss lachen: „Wobei ich die sofort einstellen würde, weil sie Organisationstalente sind.“ Freitag, letzter Tag des Selbstversuchs. Es gibt Bratwurst, Kartoffeln und Gemüse. Doch mehr verzückt Renate Eckart die Reissuppe. „Die sieht aber gut aus, hoffentlich bleibt was übrig.“ Wie viele hier hat sie Aufbewahrungsdosen dabei, um sich Reste mit nach Hause zu nehmen. „Magste noch 'n Schlag?“ Lieselotte Rexroth nickt, und ihre Freundin springt sofort auf.

Mittwoch: Wurstsalat mit Bratkartoffeln. Foto: Roman Grösser
„Ich bin mit meinem Leben zufrieden“, sagt Renate Eckart. „Des muss mer auch sein, sonst kann mer sich ja gleich verschanze.“Und dann könnte man ja nicht zur Tafel gehen, was Menschen wie sie ganz augenscheinlich ein bisschen zufriedener machen kann. Und davon haben alle was - auch die, die nicht zur Tafel gehen. Nur zwischen den Jahren hat sie zu. Aber ab 3. Januar können Renate Eckart und Lieselotte Rexroth wieder auf ihrem Stammplatz sitzen. 

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