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Umsonst und unbezahlbar

Erstellt am 04 May 2008 um 12:12
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Ein Artikel aus der Merck Hauszeitschrift:



„Mein Stammtisch“, sagt Renate E. resolut und deutet auf einen Tisch in der Ecke. Auf der geblümten Plastiktischdecke steht eine kleine Topfpflanze. Renate Eckart ist schon morgens vor zehn Uhr in das unauffällige einstöckige Gebäude gekommen, das einmal eine Kohlenhandlung war. „Darmstädter Tafel e.V.“ steht auf der vergrauten Putzfassade, die zur Pallaswiesenstraße zeigt. Das Mittagessen gibt es erst zwei Stunden später, derweil trinkt Renate E. Kaffee, unterhält sich mit den anderen Gästen der Tafel, die nach und nach in den schmalen Gastraum kommen. „Ein richtiger Freundeskreis sind wir hier“, erzählt die 65-Jährige. Natürlich, in erster Linie zählt für die Darmstädterin aber doch, dass es hier jeden Werktag ein warmes Essen gibt. Umsonst und für jene, die zu wenig Geld haben, die Preise im Supermarkt oder gar im Restaurant zu zahlen.


Eine Klientel, die in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist. Menschen ohne Arbeit sind darunter, allein erziehende Mütter und Ruheständler. 200 Euro Rente bekommt Renate E. monatlich, 800 Euro ihr Mann. Nach Abzug von Miete und weiteren Fixkosten bleibt oft kein Geld für Lebensmittel: „Ohne die Tafel würde ich nicht rumkommnen.“ Viele Gäste beziehen Hartz IV, berichtet Ursula Summer. Lange war sie ehrenamtliche Helferin an der Tafel. Ein Einsatz, der immer mehr Zeit forderte, am Ende mehrere Stunden täglich. „Da war es auf ehrenamtlicher Basis nicht mehr zu machen“, erklärt die Darmstädterin, auf deren Visitenkarte seither „Geschäftsführerin“ steht. Die einzige bezahlte Tafel-Mitarbeiterin ist eigentlich gelernte Kauffrau, hat aber nach eigener Aussage „schon immer gern gekocht“. Auch heute ist es Ursula Summer, die Tag für Tag entscheidet, was auf den Tisch kommt, und es anschließend gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern zubereitet.


Entscheidend hängt der Speiseplan davon ab, was die Fahrer des weißen Kleintransporters mit dem Schriftzug „Jeder gibt, was er kann“ auf der Seite in die Pallaswiesenstraße bringen. Mehrmals täglich machen sich die Tafel-Mitarbeiter auf den Weg, besuchen Firmen, Märkte, Bäcker, Geschäfte und Restaurants, allesamt Spender für die Tafel. Bäcker geben Brot, Brötchen und Kuchen vom Vortag, Geschäfte das Obst und Gemüse, das optisch nicht mehr taufrisch, geschmacklich aber völlig in Ordnung ist, oder Milchprodukte, die sich dem Haltbarkeitsdatum nähern. Vieles, das sonst wohl einfach auf dem Müll entsorgt würde, kommt bei der Tafel in den Topf und auf den Tisch. Und es gibt manche Spender, die mehr geben als das, was ohnehin über ist. Zum Beispiel Merck: 30 Liter Suppe kochen die Betriebsrestaurants täglich extra für die Tafel. Einmal in der Woche gibt es einen deftigen Eintopf. „Dazu machen wir nur noch Würstchen warm. Das spart uns viel Arbeit, Geld und Zeit“, sagt Ursula Summer dankbar.


40 Sitzplätze gibt es in der Baracke in der Pallaswiesenstraße. Bis vor ein paar Jahren genug, um allen Gästen Platz zu bieten. Heute müssen viele draußen sitzen oder – wenn es zu kalt ist – im Stehen essen. Den Beleg des Platzmangels hütet Roland Kuhn in einem blauen Buch, das auf dem Schreibtisch im Büro liegt. Tag für Tag, Woche für Woche notiert der ehrenamtliche Helfer, wie viele Essen in der Pallaswiesenstraße über den Tresen gehen. Zwischen 50 und 80 Mahlzeiten sind es täglich. Gegen Monatsende, wenn das Geld knapp wird, steigt der Andrang. 1632 Mahlzeiten waren es diesen Oktober, im gesamten Jahr 2006 12545 Portionen.




„Jedes Jahr wird es mehr“, berichtet der Chronist, der die Bücher seit vier Jahren führt. Vor ein paar Jahren war Roland Kuhn selbst Gast. Das Geld war knapp für den gelernten Metzger, der lange in der Gastronomie gearbeitet hat, jetzt aber arbeitslos ist. Ein Zustand, an dem sich so schnell nichts ändern wird. „Ich gelte als nicht mehr vermittelbar“, erklärt der 57-Jährige ungerührt. Roland Kuhn ist nicht der Typ, der resigniert und untätig wird: „Zu Hause vor dem Fernseher sitzen, das ist nichts für mich.“ Jeden Tag steht er auf, um gegen 7.30 Uhr sein unbezahltes Ehrenamt an der Tafel anzutreten. Schluss ist erst am Nachmittag. „Ich habe hier eine Aufgabe“, sagt er auf die Frage, warum er das auf sich nimmt.


Seine Aufgabe beinhaltet auch, sich um das weiße Zelt im Hof zu kümmern, das der Darmstädter fast liebevoll „mein Reich“ nennt. Aus Platzgründen sind hier draußen Obst und Gemüse verstaut. In der Garage nebenan Getränke und weitere Lebensmittel. Was ankommt, wird von Kuhn sortiert und in Kisten gepackt. Was nicht mehr gut ist, landet in der Tonne, was sich noch hält, wird zunächst gelagert. Bis sich am Donnerstag oder Freitag ein Käufer findet. Dann ist an der Tafel Ladentag, die Besucher können einkaufen. Das Sortiment ist groß, es gibt alles von Obst und Gemüse über Käse und Joghurt bis hin zu Backwaren und Fleisch. Der Preis ist pauschal: Für einen beliebig großen Einkauf im Tafelladen wird ein Euro fällig. „Manchmal“, erzählt Ursula Summer, „drücken wir ein Auge zu. Viele Menschen in Darmstadt haben keinen Euro, um sich etwas zu essen zu kaufen.“ (os)


Die Darmstädter Tafel

Seit zwölf Jahren gibt es die Darmstädter Tafel, die die Vereinsvorsitzende Doris Kappler nach Berliner Vorbild gründete. Das Konzept ist bekannt und erprobt: Geschäfte, Firmen und Gastronomen spenden, was sie selbst übrig haben und nicht mehr verkaufen können. An der Tafel wird es an jene verteilt, die selbst nicht genug Geld haben, sich Lebensmittel zu kaufen. Mittlerweile gibt es in Deutschland rund 500 Tafeln. Eine Besonderheit: In Darmstadt wird täglich frisch gekocht. Zusätzlich werden morgens Backwaren ausgegeben, an zwei Tagen in der Woche öffnet der „Tafelladen“.


Schon lange währt die Diskussion um den Standort. Das bisherige Gebäude in der Pallaswiesenstraße ist mittlerweile viel zu klein, in einem bedauernswerten Zustand und wird wegen der geplanten Verlängerung der Pfnorrstraße ohnehin abgerissen werden. Inzwischen ist an der Feldbergstraße ein neues Domizil gefunden. Ein genauer Umzugstermin steht aber noch nicht fest.


Merck ist der Darmstädter Tafel lange verbunden: Tag für Tag spendet das Unternehmen 30 Liter Suppe. Auch als die Stadt Darmstadt kürzlich ihre Zuschüsse an die Tafel strich, war Merck mit einer Spende von 20 000 Euro zur Stelle und sicherte so das Überleben des Vereins für drei Jahre. (os)



Liebe Merckser,


2000 Meter Luftlinie trennen die blauschimmernde Merck-Pyramide von der heruntergekommenen Baracke in der Pallaswiesenstraße, die die Darmstädter Tafel beherbergt. Täglich, wenn sich die Mitarbeiter hier in die Betriebsrestaurants aufmachen, treffen sich dort Menschen, die kein Geld für Essen haben. Eine Mahlzeit, bestehend aus Suppe, Salat, Hauptgericht, Kaffee und Kuchen, kostet sie hier nichts. Jeden Werktag, jede Woche, jeden Monat, seit zwölf Jahren.


Die Räume der Tafel, vor wenigen Jahren noch völlig ausreichend, platzen mittlerweile täglich aus allen Nähten. Auch in einer reichen Stadt wie Darmstadt gibt es immer mehr Menschen, denen es am Nötigsten fehlt. Gut, dass Merck die Augen nicht verschließt und dem Verein zur Seite steht. Ganz gleich, ob die Tafel gerade ein Politikum ist und die Gazetten füllt oder ob es ruhig ist um das, was in der Pallaswiesenstraße 184 geschieht.


Wer zur Tafel kommt, steckt vielleicht völlig ohne eigenes Zutun in seiner misslichen Lage. Und muss doch über den eigenen Schatten springen und das Angebot akzeptieren. Die ehrenamtlichen Helfer tun alles, um den Menschen die Scham zu nehmen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, pragmatisch und jeden Tag aufs Neue. Sich davon eine Scheibe abzuschneiden, das kann zu keiner Zeit ein Fehler sein, meint nachdenklich


Euer Camillo

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