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Geburtstagswunsch: überflüssig zu sein

Erstellt am 02 Feb 2011 um 11:29
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Foto: Claus Völker


Darmstädter Echo vom 31.01.2011:

Ein Teller klare Brühe, darin ein Suppenlöffel, in dem ein paar Buchstabennudeln ein schlichtes Wort bilden: Danke. Das war das Wort der Stunde am Freitagabend im Alten Schalthaus, wo Freunde, Förderer, Verbundene und Macher der Darmstädter Tafel deren 15. Geburtstag feierten. Vor dem Essen war das Dankeschön in aller Munde.Hans J. Wegel vom Vorstand dankte in seiner Begrüßung zuvorderst den Tafel-Besuchern für die Überwindung und ihr Vertrauen, überhaupt in die Einrichtung zu kommen; als zweites nannte er die Sponsoren, ohne die das alles nicht möglich wäre. Die hohe Frequenz an Danksagungen blieb das zweistündige Programm hindurch in einer ähnlich engagierten Taktung, wie Pianist Wolfgang Schömbs dazwischen immer wieder klassisch-jazzig und mit viel Verve in die Tasten haute. Dabei bildete sich im Laufe des Abends eine deutliche Dankeschön-Schnittmenge heraus: Alle dankten den ehrenamtlichen Mitarbeitern sowie Tafel-Gründerin Doris Kappler für ihren unermüdlichen Einsatz.Dass die Darmstädter Einrichtung eine von mittlerweile bundesweit 870 Tafeln mit mehr als 2000 Ausgabestellen und zirka 40 000 vorwiegend ehrenamtlichen Mitarbeitern ist, erläuterte Hans Mengenringhausen als stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbands der Tafeln Deutschlands. „Es profitieren derzeit zirka 1,2 Millionen Kunden.“ Dem stellte er acht bis neun Millionen einkommensschwache Menschen gegenüber, die in „materieller Ernährungsarmut“ lebten, und befand: „Eine zivilisierte Gesellschaft hat die Pflicht, soziale Verantwortung für die Schwächeren zu übernehmen.“ Wer sich für das Gemeinwohl einsetze, beteilige sich an der Sicherung des sozialen Friedens.Doch so erfreulich das Engagement auch ist, hilfsbedürftige Menschen jeden Tag mit einem warmen Mittagessen und Lebensmitteln zu versorgen: Schatzmeister Wegel bilanzierte für das vergangene Jahr 13 600 ausgegebene Essen und rund 100 Lebensmittel-Einkäufer pro Tag und bedauerte, dass die Tendenz weiter steigend ist. Das sei eine im Grunde inakzeptable Entwicklung in einer so reichen Stadt wie Darmstadt. Daher müsse der oberste Geburtstagswunsch sein, „dass wir diese Einrichtung irgendwann schließen können, weil wir sie nicht mehr brauchen“.Das wünschte sich auch Sozialdezernent Jochen Partsch als einer der vielen politischen Gäste, deren Erscheinen im Kommunalwahljahr nicht zuletzt dafür stand, dass die Tafel sehr konkret auch ein Politikum ist. „Wie kann es sein, dass in unserer reichen Stadt so viel Armut vorhanden ist?“ Das sei für ihn die zentrale Frage.Der Oberbürgermeisterkandidat der Grünen kritisierte Sozialkürzungen durch die Bundesregierung, die unter anderem ein Drittel an aktiver Arbeitsmarktförderung oder die Mittel für das Förderprogramm „Soziale Stadt“ von 95 auf 28 Millionen gestrichen habe. Andreas Storm (CDU), Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, ging darauf nicht direkt ein. Stattdessen verwies er auf das EU-Ziel zur Armutsbekämpfung. Und weil die Langzeitarbeitslosigkeit Hauptursache sei, wolle man sie auf Bundesebene bis 2020 um zwanzig Prozent reduzieren. Zudem lobte er den Vorstoß, Kindern aus Hartz-IV-Familien nun mehr Sachleistungen zukommen zu lassen.In den Wunsch, die Tafel zu schließen, stimmte Storm nicht ein. Unabhängig von Forderungen an die Sozialpolitik gelte: „Die Menschen erreichen wir mit manch noch so guten Konzepten und staatliche Aktivitäten nicht, sondern vor allem in der menschlichen Begegnung.“ Daher seien Tafeln unabdingbar - auch wenn sie von Anfang auch in der Kritik gestanden hätten, sie würden Armut zementieren, weil sie nicht an den Ursachen anpackten. Storm: „Wenn wir die Tafel nicht hätten, dann müssten wir sie erfinden.“


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