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„Die essen auf Mülltonnendeckeln“

Erstellt am 16 Apr 2008 um 18:06
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Quelle: Echo Online vom 25.04.2007

Je näher der Zeiger der Küchenuhr an die 12-Uhr-Marke herankommt, desto schneller füllen sich die Essräume der Darmstädter Tafel an der Pallaswiesenstraße. Schon lange vor der täglichen kostenfreien Essensausgabe sind die 40 Sitzplätze belegt. Wer kurz vor dem Startschuss kommt, hat Pech.

Zubereitet wird das Essen am Dienstag allerdings nicht von den überwiegend ehrenamtlich tätigen Aushilfen um Geschäftsführerin Ursula Summer, sondern von Michael Schulz und Alexandra Leonhard vom Darmstädter Personalvermittler „Adesta”. Geschäftsführer Michael Schulz möchte mit dieser Aktion das „soziale Engagement meiner Mitarbeiter stärken”. Bis zu einer Woche pro Jahr soll jeder der 15 Mitarbeiter künftig in einer sozialen Einrichtung in Darmstadt ran. Gleichzeitig soll der freiwillige Arbeitstag in der Küche andere Unternehmen motivieren, sich ebenfalls sozial zu engagieren.

Schulz hat sich für die Darmstädter Tafel entschieden, da ihm zu Ohren kam, dass die Einrichtung eine neue Bleibe sucht. Doris Kappler, Gründerin und erste Vorsitzende des seit 1996 bestehenden Vereins „Darmstädter Tafel”, lobt die Aktion und erhofft sich Hilfestellung bei der Suche nach einer größeren Unterkunft.

Bis zu hundert am Existenzminimum lebende Menschen holen sich täglich eine Mittagsmahlzeit ab, aber nur 40 Gäste fassen die Räumlichkeiten. „Die essen teilweise auf den Mülltonnendeckeln draußen, das ist furchtbar”, ärgert sich Doris Kappler. Die Suche nach einer neuen Räumlichkeit hat aber bislang nicht zum Erfolg geführt. Besonders die Anforderungen an die neuen Räume schränken die Auswahl ein: „Mehrere Toiletten, ein großes Kühlhaus, Lagerräume, ein großer Essraum für bis zu 70 Personen sowie ein Hof”, listet Summer die Wünsche auf. Ideal wäre eine beheizbare Lagerhalle oder eine große Kneipe, die zumacht. „Wir hatten uns ja schon einmal im Hauptzollamt umgeschaut”, sagt sie. „Das wäre ideal, da dort mal eine Kantine war. Uns wurde aber gesagt, dass es bereits einen anderen Interessenten gibt. Heute hängt da allerdings immer noch ein Zu-vermieten-Schild.”

Oft stoße Summer auf Zurückhaltung, sobald sie während ihrer Suche nach neuen Räumen davon erzählt, dass sie von der Darmstädter Tafel komme. „Die Leute haben einfach eine falsche Vorstellung davon, wer hier so sitzt”, ärgert sich die Geschäftsführerin. „Hier ist strenges Alkohol- und Rauchverbot, hier sind Menschen wie du und ich.”

Auch Michael Schulz von „Adesta” stören die Vorurteile: „Die Tafel wird nicht an jeder Ecke gerne gesehen. Doch es ist wichtig, bedürftigen Menschen zu helfen.”

Nicht nur die zu kleinen Räume, auch die Stadtplanung zwingt die Tafel dazu, auf absehbare Zeit eine neue Bleibe zu finden. Summer berichtet von den Plänen einer neuen Straßenführung, die den Abriss des derzeitigen Gebäudes zur Folge hätte. „Die sollen machen, dass die was finden”, appelliert sie an die Stadt und Oberbürgermeister Walter Hoffmann. Er habe während eines Besuches im vergangenen Jahr angekündigt, die Augen offen zu halten. „Aber auch die Stadt hat ja nicht so viele Häuser, die sie aus dem Ärmel schütteln kann”, wirft Summer verständnisvoll ein. 2011/12 sollen nun nach Angaben der Stadt die Baumaßnahmen rund um den Standort der Tafel beginnen. Die Stadt gehe stark davon aus, dass bis dahin ein neuer Platz für die Tafel gefunden ist, vermutlich sogar in der Nähe des heutigen Standortes, heißt es von der Pressestelle. Grundsätzlich könne die Einrichtung nicht über mangelnde Unterstützung klagen, sagt Summer.

Das Prinzip funktioniere reibungslos: Jeden Morgen fährt ein Zivi mit einem Transporter die Supermärkte oder Kantinen der Region ab und erhält überschüssige Lebensmittel kostenfrei. „Nur Aldi, Lidl oder das Kaufland machen nicht mit, die geben nichts”, sagt sie. Wertvoll seien auch sporadische Spenden. So plane der Leo-Klub im Mai eine Aktion vor Supermärkten in Darmstadt, und vom Spargelverband Südhessen gab es kürzlich 30 Kilo Gemüse gratis.
 

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